Stefan K. Beck, Privatgelehrter und Projektemacher

Unabhängigkeit

Kapitel 19.b. Oberperu: Staatsgründung ohne Entscheidungsschlacht

Trotz seiner damals noch vorhandenen Küstenprovinz, die erst 56 Jahre später, nach dem Salpeterkrieg, an Chile fiel, waren Oberperu und sein letzter Vizekönig nach der spanischen Generalkapitulation vom Rest des ehemals spanischen Teils des Kontinents isoliert. Die Hoffnung von Pedro Antonio Olañeta, daß die Reste der Spanier in Südperu Widerstand leisten, und ihm damit die Gelegenheit geben würden, eine Verteidigung aufzubauen, zerschlugen sich schneller, als er befürchtet hatte. Hinzu kam, daß im vergangenen Jahr die Uneinigkeit der Spanier und die Niederlage von Ayacucho derart an der Moral seiner Truppen gezehrt hatte, daß er nur noch über etwa 2500 Soldaten verfügte, da die andere Hälfte seiner Soldaten desertiert war.

Olañeta begann zum Jahresanfang damit, dem peruanischen Vizekönig den Nachschub an Rohstoffen und Rekruten abzuschneiden, zahlte die Abgaben nicht mehr und kappte die Kommunikation von Regierungsstellen in Oberperu mit de la Sernas Amtssitz Cusco. Er hatte sein Heer auf 5000 Soldaten verstärkt und besetzte die wichtigen Städte im Land. Dies geschah zwar nicht völlig ohne Widerstand durch die Behörden, aber mit Hilfe seiner Soldaten und strategisch geschicktem Vorgehen, brachte er das Land im Januar unter seine Kontrolle.

Anfang Februar überquerten die Sieger von Ayacucho die Grenze und drangen nach Oberperu ein. Dies löste weitere Desertionen bei den Kolonialtruppen aus, die sich teilweise als komplette Einheiten Sucre unterstellten. Dieser eilte seinem Heer voran und erreichte bereits am 07. Februar La Paz, wo er für Ende April in Oruro eine verfassungsgebende Versammlung anberaumte. Während Olañeta sich in Potosi mit José Maria Valdes, Barbarucho, der Puno nicht hatte halten können (s. das vorhergehende Peru-Kapitel), traf, fielen weitere Provinzen von ihm ab. Mitte Februar bekannte sich Santa Cruz de la Sierra zur Republik und die Kolonialtruppen liefen über. Eine Woche später war Chuquisaca befreit, aber Olañeta schickte Barbarucho, der die Stadt mit dem Königlichen Gerichtshof ein letztes Mal besetzte.

Sucre beließ die großkolumbische Division von José Maria Cordoba in La Paz, während die peruanische Division, die William Miller ab Mitte März führte, weiter nach Süden vordrang. Deren 2. Bataillon vertrieb Barbarucho aus Chuquisaca, der sich, wie Olañeta, nach Süden zurückzog.

An der Grenze hatte der Gouverneur der argentinischen Provinz Salta, Juan Antonio Alvarez de Arenales sein Heer stationiert. Der Kongreß in Buenos erteilte ihm den Auftrag, Oberperu an Argentinien anzugliedern. Deshalb schickte er ein Bataillon zur Aufklärung in den Süden Oberperus.

Sucre war im März nach Oruro gekommen, wo er die übergelaufenen Kolonialtruppen organisierte und nach Potosi weiterzog. Es gelang ihm, Olañeta am 28. März aus der größten Stadt des Kontinents zu vertreiben, ohne, daß es zur Schlacht kam, da Sucre seine Truppen geschickt bewegte. Olañeta floh mit den Resten seiner Truppe nach Süden. Gut 100 Kilometer südlich von Potosi, in Tumusla, soll es zu einzigen Schlacht bei der Befreiung Oberperus gekommen sein. Ob es an diesem 01. April wirklich zwischen Deserteuren und Anhängern Olañetas zum Gefecht kam, ist keineswegs erwiesen. Es könnte ebenso ein einzelner Soldat, oder auch eine kleine Gruppe gewesen sein, die dafür sorgten, daß Olañeta von einem Schuß getroffen wurde, der ihn in der folgenden Nacht umbrachte.

Barbarucho versuchte, sich nach Süden abzusetzen, wobei auf die von Alvarez de Arenales entsandten Truppen traf. Er ergab sich und wurde zu Sucre nach Potosí gebracht. Wie schon José de la Serna und seine Offiziere, erhielten auch der Argentinier und die ihn begleitenden Offiziere ihre Papiere zur Ausreise, nachdem sie die Generalkapitulation anerkannt hatten.

Sowohl Argentinien, als auch Peru leiteten aus der kolonialen Tradition und den Truppen, die sie während des Krieges nach Oberperu geschickt hatten, das Recht ab, sich das Land einzuverleiben. Bolivar setzte vor dem peruanischen Parlament sein alleiniges Verfügungsrecht durch, und gedachte, mit den Argentiniern zu verhandeln. Sucre durchkreuzte jedoch diese Pläne, indem er die Eigenstaatlichkeit zuließ. Im Juli beschloß ein zweiter Kongreß in Chuquisaca die Unabhängigkeit Oberperus, auch von den beiden Nachbarn im Norden und Süden. Dafür kritisierten ihn die beiden Länder heftig, und auch Bolivar hätte es vorgezogen, im Vorfeld eine Einigung zu finden, anstatt die beiden Länder zu brüskieren.

Anfang August wurde der neue Staat proklamiert, der sich wenige Tage später zu Ehren des Befreiers Bolivien nannte. Bald darauf wurde auch die Hauptstadt Chuquisaca in Sucre umbenannt. Bolivar, dem das lebenslange Präsidentenamt angetragen wurde, lehnte ab, und mit dem Beginn des folgenden Jahres war Sucre Präsident in Bolivien. Während Bolivar "sein" Land bereiste, entwarf er dafür eine Verfassung.

1828 drangen peruanische Truppen unter Agustin Gamarra nach Bolivien ein, um dem den großkolumbischen Einfluß zu beenden. Im Vertrag von Piquiza wurden Sucre und die verbliebenen Truppen Großkolumbiens ausgewiesen und die Souveränität des Landes sichergestellt.

Nach seinem Putsch gegen Bolivar, hatte Santa Cruz in Lima zunehmend Einfluß eingebüßt und war in sein Geburtsland Bolivien zurückgekehrt. 1829 wurde er hier Präsident. Anfang 1836 gründete er, immer noch im Amt, die peruanisch-bolivianische Konföderation, die am Widerstand einiger Peruaner und vor allem der militärisch intervenierenden Chilenen Mitte 1838 scheiterte. Peru verleibte sich anschließend die nördlichen Provinzen Boliviens am Titicacasee ein, womit ein Prozeß begann, der das Land bis heute knapp die Hälfte seines Territoriums kostete, wobei sich alle Nachbarn an Bolivien schadlos hielten.



Ende



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