Stefan K. Beck, Privatgelehrter und Projektemacher

Tagebuch

Die deutschen Eroberer Südamerikas

Hintergrund

Der 1500 in Gent geborene Habsburger Karl, Enkel des letzten Ritters Kaiser Maximilian und Sohn Philips I. und Johanna der Wahnsinnigen, erbte 1516 von seinen Großeltern mütterlicherseits, Ferdinand II und Isabella, den Katholischen, die Krone von Kastilien und Aragon. Als Carlos I. bestieg er 1516 den spanischen Thron. Am 28. Juni 1519 kaufte er sich bei der Kaiserwahl in Frankfurt am Main die Stimmen der Kurfürsten und konnte als Karl V. Römischer König werden. 1530 wurde er von Papst Klemens VII, den er einige Zeit bekriegt hatte, zum Kaiser gekrönt. Die Wahl machte den in Flandern aufgewachsenen Österreicher arm. Unter anderem hatte er beim Augsburger Handelshaus Welser enorme Schulden in Höhe von rund 150000 Goldgulden. Der Mann, der von seinem Reich sagte, daß in ihm die Sonne nicht untergeht, verlieh Anton und Bartholomäus Welser, die bereits mit den Portugiesen Verträge über den Indienhandel und damit Erfahrung im Überseehandel und im Ausbeuten von Kolonien hatten, anfangs noch über deren Bevollmächtigte Dalfinger und Sailer, Rechte zum Handel und Ausbeutung der neuen Kolonien. Zuerst, 1525, zwischen Spanien und Santo Domingo, später 1528, auch für Coro auf dem venezolanischen Festland.

Die deutschen Gouverneure

So landete Ambrosius Dalfinger (auch Alfinger) Ende Februar 1529 im kurz zuvor gegründeten Coro mit knapp zweihundertfünfzig Siedlern, um vertragsgemäß Siedlungen und Handelsposten zu errichten. Er wurde der erste Statthalter, Generalkapitän, der Welser in Südamerika. Von seinem Hauptquartier in Coro aus, unternahm Dalfinger gut ein halbes Jahr später seine erste Expedition an den Maracaibo-See und der Serrania de Perija an der heutigen Grenze zu Kolumbien. Trotz der widrigen Bedingungen der ersten Expedition brach er 1531 erneut auf. Er gelangte über die kolumbianische Ostkordillere und unter großen Verlusten durch die klimatischen Verhältnisse und Indianerangriffe an den Río Magdalena Auf dem Rückweg erlag er 1533 einem vergifteten Indianerpfeil bei Chinácota, rund dreißig Kilometer südlich von Cucuta in Kolumbien.

1530 kam Nikolaus Federmann als Stellvertreter von Dalfinger nach Coro. Seine eigenmächtige Erkundung des Gebietes zwischen der Kordillere Merída und dem Orinoco 1530/31 verhinderte, dass er Nachfolger von Dalfinger wurde, als dessen Tod bekannt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er in Europa, um bei Kaiser Karl V. und seinen Auftraggebern, den Welsern, Bericht zu erstatten. Ohne Legitimation der Welser kehrte er 1534 zu einer erneuten Expedition zurück nach Venezuela. Diese Expedition 1535-36 führte ihn auf die Halbinsel Guajira, wo er Riohacha gründete. Zurück in Coro, brach er 1537 wieder auf. Diesmal führte sein Weg nach Südwesten. Er erreichte 1538 das Hochland von Bogotá, wo er den mit der Gründung von Bogotá beschäftigten Gonzalo Jiminéz de Quesada und den von Süden vorgestoßenen Unterführer Pizarros, Sebastían de Benalcazar, traf. Nach seiner Rückkehr 1539 nach Coro, reiste er zurück nach Europa, um seine Gebietsansprüche gegenüber den beiden Mitkonkurrenten bei Karl V. durchzusetzen. Karl fand ihn, genau wie seine Widersacher ab.

Die Welser machen ihm wegen seiner Eigenmächtigkeit jedoch den Prozess. Er verlor sein Vermögen und versuchte sich mit der Veröffentlichung seiner Reiseerinnerungen finanziell zu sanieren: "Indianische Historia. Eine schöne, kurtzweilige Historia Niclaus Federmanns des Jüngern von Ulm erster raise so er von Hispania un Andolosia auss in Indias des Occeanischen Mörs gethan hat und was ihm allda ist begegnet biß auff sein widerkunfft in Hispaniam auffs kurtzest beschrieben gantz Lustig zu lesen MDLVII, getruckt zu Hagenaw". Das Werk erschien jedoch erst nach seinem Tod 1542 und wurde erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts wiederentdeckt. Dieses Buch schildert die Strapazen und erlittenen Verluste bei seinen Expeditionen und ist eine gute Quelle für die Schwierigkeiten, mit denen die ersten Vorstöße ins Innere Südamerikas zu kämpfen hatten.

Nachfolger Dalfingers wurde 1534 Georg Hohermuth von Speyer. Dieser brach im folgenden Jahr zu einer entada Richtung Süden auf. Auf der fast vierjährigen Expedition erreicht er den Amazonas, aber das Goldland, nach dem er gesucht hatte, fand er nicht. Zurück in Coro, starb er 1540 bei der Vorbereitung einer weiteren Expedition 1540.

Sein Nachfolger Philip von Hutten, ein Vetter Ulrichs, der die Expedition Hohermuths mitgemacht hatte, wurde nach dessen Tod Generalkapitän der Besitzungen der Welser in Südamerika. 1541 unternahm er ebenfalls eine entrada (s.u.), die ihn ins venezolanische und kolumbianische Orinocogebiet führte. Erst 1544 entschloß er sich zur Umkehr wegen des immer massiver werdenden Widerstands der Indianer. 1545, nachdem man zu lange nichts mehr von ihm gehört hatte, wurde Juan de Carvajal, ein Spanier, zum Generalkapitän erklärt. Als dieser im Frühjahr 1546 von der Rückkehr der Expedition Huttens Kenntnis erhielt, zog er ihm entgegen und ließ ihn gefangen nehmen und hinrichten, weil er den Verlust seiner Stellung befürchtete.

Karl V. entthronte Carvajal zwar als Generalkapitän, aber die Untersuchungen, die vor allem die Welser gefordert hatten, weil sie neben dem Verlust der Ausbeutungsrechte noch einen ihrer Söhne verloren hatten, der mit von Hutten hingerichtet worden war, verliefen im Sand. Auch die Prozesse, die sie gegen Karl V. anstrengten, um wenigstens die Rechte in Südamerika wieder zu erlangen, dauerten bis zur Abdankung Karls 1556 und mußten dann ergebnislos abgebrochen werden.

Entradas und die Folgen

Ein solcher Expeditionszug bestand aus einer Anzahl von Soldaten mit ihren Führern und einer größeren Zahl an meist zwangsrekrutierten indianischen Lastträgern, da Tragtiere vielfach den Bedingungen nicht gewachsen waren. Das Ziel der meist unzureichend ausgerüsteten Expeditionen bestand darin, eine reiche Urbevölkerung zu finden, auszurauben und zu versklaven. Offiziell waren es Erkundungszüge, die Kaiser und Papst duldeten, denn in Europa waren die Verhältnisse im gerade entdeckten Südamerika wenig bekannt. Und schließlich brauchte man Gold in Europa, um Krieg zu führen. Es gab zwar immer wieder Gesetze zum Schutz der Indianer, an die sich die Verantwortlichen vorort aber kaum hielten.

Bartolome de las Casas, der später Bischof von Guatemala wurde, prangerte die Verhältnisse bis hin zum Papst an. Gegen die Einfuhr afrikanischer Sklaven hatte er aber offenbar nichts. Las Casas war ein scharfer Kritiker der deutschen Raubzüge, obwohl sich die seiner Landsleute nicht von denen der Deutschen unterschieden. Daß er Dalfinger für seine Vorgehensweise einen Teufel nennt, erklärt er selbst damit, daß der Ulmer ein Lutheraner war. Daß beispielsweise Vasco Nuñez de Balboa, der Entdecker des Stillen Ozeans, seine Hunde homosexuelle Indianer zerfleischen ließ, weil er sich nicht die Zeit nehmen wollte, sie gemäß einem spanischen Gesetz aus dem dreizehnten Jahrhundert zu Tode zu foltern, scheint las Casas für völlig normal zu halten. Der einzige, egal nun, ob Spanier oder Deutscher, der sich scheinbar halbwegs korrekt verhalten hatte, war Rodrigo de Bastidas, der deswegen von seinen eigenen Leuten umgebracht wurde, weil die sich, wie alle anderen, ebenfalls ausschließlich hemmungslos selbst bereichern wollten.

Und daß sich, wie Karl unter anderem den Entzug der Nutzungsrechte der Kolonien des Festlands begründete, die Statthalter nicht ausreichend um den Ausbau einer Infrastruktur und den Aufbau von Siedlungen gekümmert hätten, steht im Widerspruch zu Dalfingers ersten, zugegebenermaßen erfolglosen Versuch, Maracaibo zu gründen und Federmanns erfolgreicher Gründung von Riohacha. Eine ganze Reihe von Bergknappen, meist aus Sachsen, waren eigens zur Ausbeutung der Rohstoffe nach Venezuela gebracht worden. Straßen und Häuser waren gebaut worden. Karl war wohl zudem dem Druck der Spanier ausgesetzt, die ihre Kolonien nicht teilen wollten. So endete schließlich das Engagement der Welser und ihrer Statthalter in einer wirtschaftlichen Pleite, denn die zurückgesandten Waren deckten kaum die Expeditionskosten.