Stefan K. Beck, Privatgelehrter und Projektemacher

Tagebuch

51. Lima II

Vom Streik durchkreuzte Pläne

Ich lief durch die Innenstadt, um einige Besorgungen zu machen. So recht erfolgreich war ich aber dabei nicht. Später plante ich, einen der Touristenbusse, die an der Plaza de Armas zum Cerro Cristobal abfuhren, zu nehmen, um von dem Hügel nördlich der Stadt den Rundblick zu geniessen.

Das Wetter war entsprechend gut. Offenbar viel besser, als Charles Darwin es erlebt hatte, denn als er im Juli und August 1835 hier weilte, schrieb er: "Während unseres gesamten Aufenthalts war das Klima bei weitem nicht so köstlich, wie es gemeinhin dargestellt wird. Eine trübe, schwere Wolkenbank hing ständig über dem Land, so daß ich in den ersten sechzehn Tagen nur ein einziges Mal die Cordillera hinter Lima zu Gesicht bekam."

Dafür gab’s aber Probleme des einundzwanzigsten Jahrhunderts, die Darwin wohl erspart geblieben sind: Vor dem Palacio de Gobierno, dem Regierungspalast am Nordende des Waffenplatzes, hatten sich wenige Tausend Menschen versammelt, um gegen die Korruption in der Regierung zu protestieren. Offenbar war unter Fujimori ebenfalls nicht alles so, wie die die ihn wiedergewählt hatten, eigentlich wollten. Mit der Zeit fand ich heraus, daß sein Sicherheitsberater Montesinos bei den Russen Kampfflugzeuge bestellt hatte, für die weder Geld noch Bedarf da waren. Hinzu kam, daß man offenbar noch nicht einmal Piloten hatte, die in der Lage waren, damit umzugehen, wie ein Absturz, von dem ich an der Nordküste gehört hatte, bewies. Aber Montesinos verdiente an den Provisionen aus dem Geschäft. Aus Sicherheitsgründen war der gesamte Platz abgesperrt und kein Bus fuhr zum Cerro Cristobal.

Also ging ich an den Streikenden vorbei, die mich anders, als bei ähnlichen Gelegenheiten in Ecuador und Kolumbien, ignorierten. Leider konnte ich wegen der Absperrungen den Bahnhof Desamparados, von dem ich eigentlich nach Huancayo fahren wollte, nicht besichtigen. Und den Plan, mit dem Zug zu fahren, mußte ich ebenfalls aufgeben, weil nur sehr unregelmäßig in der Hauptsaison einige wenige Züge verkehrten, deren Abfahrt Wochen vorher in den Zeitungen verkündet wurden.

Da ich mich dabei dem Restaurant genährt hatte, das Tabak verkauft, habe ich mir einen Vorrat für die nächsten Wochen zugelegt. Zurück auf der anderen Seite der Plaza de Armas beschloß ich, einen teuren Hamburger zu essen, der zwar nicht schlecht war, aber für den gleichen Preis hätte ich zwei komplette Menüs in einen Restaurant gekriegt. Eher unzufrieden lief ich zum Hotel zurück.

Im Club und bei der Radwartung

Nach der Siesta war ich noch eine Weile beim SAEC, wo ich mich mit Max unterhielt und mir Informationen zu guten Fahrradhändlern beschaffte. Hier fiel mir ein gut sechzigjähriger Mann auf, der seine Frau im Rollstuhl durch die Klubräume schob. Er stellte sich mir als Ray vor und behauptete, Schotte zu sein. Wahrscheinlich war öfter auf Ressentiments getroffen. Viel später gab er zu, nicht weit von der schottischen Grenze, aber doch in England zu wohnen. Seine Frau hatte Alzheimer und war offenbar nicht nur auf der Reise nicht ganz leicht zu handhaben. Wir unterhielten uns einige Minuten über Lima, Peru und Reisen im allgemeinen. Da ich in einem meiner Reiseführer einen Abschnitt zum Reisen mit Behinderten gefunden hatte, konnte ich ihm eine Buchempfehlung geben und weil er unbedingt die Linien von Nasca sehen wollte, gab ich ihm meine Erkenntnisse dazu weiter.

Ich hatte mich entscheiden müssen, was ich sehen wollte: Cuzco oder Nazca, mit dem Fahrrad war beides nicht zu schaffen. Nachdem ich mir noch die Vorlagen für die Trip Reports, die ich zu schreiben gedachte, beschafft hatte, nahm ich ein Taxi und brachte mein Hinterrad zum Zentrieren in den von mir ausgewählten Fahrradladen.

Nach einigem Hin und Her kam der Chef, ein Japaner, den alle nur Mister nannten, und nahm sich des Hinterrads persönlich an. Der ältere Mann machte einen ruhigen weisen und vor allen sehr kompetenten Eindruck. Er fragte mich nach den Reifen, die hier sicher ungewöhnlich waren. Da alles auf Deutsch darauf stand, hielt ich die Reifen für deutsch. Er ließ mich den Firmennamen übersetzen und erklärte mir, daß die Reifen in Korea hergestellt würden. Die Firma sei jedenfalls eine koreanische. Offenbar auch, weil es schon spät war, verwies er mich wegen des Rads auf den nächsten Tag.

Ich hatte noch etwas Zeit und ging in eine nahe tienda, um mich bei einem Bier zustärken. Hier sah ich Gemüse und Kartoffeln, deren Größe beeindruckend war. Die Ursache suchte ich allein im Klima und der Bewirtschaftung, denn für Dünger und Genmanipulationen war hier kein Geld da. Die freundlichen Besitzer verwickelten mich sofort in ein Gespräch, das sich aber als nicht ganz uneigennützig herausstellte. Sie führten mir ihre Tochter vor und, wie bei solchen Gelegenheiten üblich, hätten sie mich gerne mit ihr verheiratet. Ich fragte dagegen, was sie glaubten, wie oft ich auf meiner Reise schon solche Angebote erhalten hätte. Da es schon einige gewesen waren, hatte ich beim höflichen Abwiegeln solcher Geschichten einige Erfahrung. Ich lenkte das Gespräch in andere Bahnen und erzählte ihnen von meiner Reise. Da man mich gewarnt hatte, vor Einbruch der Dunkelheit den Bezirk zu verlassen, in dem der Laden lag, mußte ich schon bald darauf von dem netten Ehepaar verabschieden und nahm mir ein Taxi zurück ins Hotel.

Die wenigen Restaurants in der Nähe des Hotels haben mich nicht zu überzeugen vermocht, wie ich auch an diesem Tag herausfinden sollte. Zurück im Hotel, setzte ich mich wieder an den Tisch und schrieb ins Tagebuch, und verfaßte Berichte für den Club.

Etwa gegen neun kamen zwei Norwegerinnen, die ich vorher schon gesehen hatte und redeten ziemlich aufgeregt mit Jorge an der Rezeption. Der führte sie an den Tisch, an dem auch ich saß, damit sie sich beruhigen konnten. Sie waren gerade eben, zwei Ecken vom Hotel, überfallen worden. Der Stadtteil Breña, in dem das Hotel liegt, gilt eigentlich als sicher, aber daß sich Jugendbanden aus ärmeren Vierteln hierher trauen, ist nicht so außergewöhnlich. Eine Gruppe junger Männer hatte die beiden recht robusten Frauen bedroht und versucht ihre Daypacks zu entreißen. Eine der beiden hat zurückgeschlagen, sich ihre Tasche zurückgeholt und dann waren beide vor den etwas verdutzt dastehenden Burschen, die wohl nicht mit Widerstand gerechnet hatten, davongerannt. Den beiden kräftigen jungen Frauen war sicher auch kein Fehlverhalten vorzuwerfen. Sie waren einerseits nicht auffällig angezogen und geschminkt, andererseits war es ihr letzter Abend in Lima vor dem Rückflug, nach immerhin einen Aufenthalt von über einem halben Jahr. Das zeigt, daß es gegen solche Attacken grundsätzlich keinen Schutz gibt. Ich habe mich noch eine ganze Weile mit den beiden auf Englisch unterhalten, bis sie sich so weit beruhigt hatten, daß sie auf ihr Zimmer gehen konnten, um wenigsten halbwegs ausgeschlafen den strapaziösen Flug am nächsten Tag zu überstehen. Als ich später auf mein Zimmer bin, habe ich die beiden noch mit einer Flasche Wein vor ihrem Zimmer an der frischen Luft sitzen sehen. Mit einigen beruhigenden Worten habe ich mich endgültig von ihnen verabschiedet.

Callao

An diesem Tag war der Hafen Limas, Callao, vorgesehen. Also suchte ich mir nach den Frühstück in der hervorragenden ligurischen Bäckerei nahe des Hotels einen Bus, der mich die gut fünfzehn Kilometer dahin brachte. Die Fahrt dauerte gut eine dreiviertel Stunde. Als ich die Festung Real Felipe sah, verließ ich den Bus und wollte mich hineinbegeben. Die Wache am Tor der heute noch vom Militär und als Gefängnis genutzten Burg bedauerte, es sei noch zu früh, aber ich könne mir in der Zwischenzeit das Schiffahrtsmuseum gleich um die Ecke ansehen.

Das Museo Naval der peruanischen Kriegsmarine umfaßte die Geschichte der Seefahrt von präkolumbischen Zeiten mit Indianerflößen bis in die Gegenwart. Von der Frühzeit waren einige Modelle ausgestellt, auch eines der Ra II, mit der Thor Heyerdal im Pazifik unterwegs gewesen war. Der erste große Wendepunkt war die Ankunft der Karavellen der Spanier. Francisco Pizarro hatte die Schiffe, die Vasco Nuñez de Balboa, der Entdecker des Stillen Ozeans, im heutigen Panama zu bauen begonnen hatte, fertig gestellt, nachdem er diesen an seinen Widersacher Pedro Arias d’Avíla, auch Pedrarias genannt, ausgeliefert hatte. Die Schiffstypen blieben auch europäisch, als José de San Martin bei seinem Befreiungsversuch die peruanische Kriegsmarine gründete. Während des Salpeterkriegs 1879-1884 kauften sowohl die Chilenen als auch die Peruaner ihre wenigen Panzerschiffe in England. Besonders gefeiert wurde in diesem Museum Admiral Miguel Grau, der mit einem der beiden peruanischen Panzerschiffe, der Huascar, im ersten Kriegsjahr den Nachschub der Chilenen erheblich störte, bis er bei der Seeschlacht von Angamos – neunzig Kilometer nördlich von Antofagasta – in einen Hinterhalt gelockt wurde und im Feuer der beiden schwereren Panzerschiffe der Chilenen, Lord Cochrane und Blanco Encalada, mit seinem Schiff unterging. Danach war den Chilenen die Seeherrschaft nicht mehr zu nehmen und sie unternahmen mehrere Landungen an der peruanischen Küste, bis nach Lima. Von Grau und anderen Admirälen, die zwar in der Volksmeinung hochgehalten werden, aber letztlich erfolglos waren, fand ich Gemälde und Uniformen ausgestellt.

Die weitere Entwicklung der Kriegsmarine bis heute wurde an Computeranimationen zum Selbstbedienen und durch eine Propagandavideovorführung vermittelt. Bei der letzteren zeigte man sich besonders stolz auf neuzeitliche deutsche U-Boottechnik. U-Boote können durchaus wirksam sein und kosten nur einen Bruchteil des Preises eines Schlachtschiffs, das sich die Peruaner nicht leisten können. Die Forschungsprojekte der Marine, wie die Ergebnisse der Untersuchungen einiger kleiner, der Küste vorgelagerter Inseln mit Gesteinsproben und präkolumbischen und kolonialzeitlichen Artefakte und ein nach Alexander von Humboldt benanntes Antarktisunternehmen beschlossen meinen Rundgang durch das Marinemuseum, an dessen Eingang weißuniformierte Marineinfanteristen Wache stehen.

Als ich zurück zum Eingang von Real Felipe kam, forderte mich der Wachposten zu Eile auf, weil gerade eine Führung beginne. Zu meinem Leidwesen war eine Führung die einzige Möglichkeit, die Burg zu betreten, weil ich einerseits bereits eine Menge über die Geschichte wußte und andererseits die Führung ein Tempo vorlegte, das mir nicht ausreichend Zeit ließ, mich mit den Exponaten, die mich mehr interessierten, näher zu befassen. Nichtsdestotrotz ist Real Felipe die zweitbeste Kolonialfestung, die ich auf meiner Reise gesehen habe. San Felipe in Cartagena ist unschlagbar gut.

Die ersten Erläuterungen allgemeiner Natur und zu den Wachbarracken beim Eingang habe ich wohl verpaßt, aber zum Museo Histórico Militar hatte ich zu der Gruppe aufgeschlossen. Gut möglich, daß man hier auch Alexander von Humboldt als einen der wichtigsten Gäste erwähnt hatte, der Anfang November 1802 hier den Durchgang des Merkur vor der Sonne beobachtet hatte. Er jedenfalls war wenig begeistert von der Einstellung der Astronomiefreunde, die ihn allein beobachten ließen, obwohl er in Lima Teile seiner Ausrüstung verliehen hatte, um später die Ergebnisse abgleichen zu können. Er wußte, daß es nur in Callao möglich war, Geschütze nach Lima zu bringen. Daher regte ihn der Zustand der Festung ziemlich auf, denn im Falle einer Invasion oder auch nur einer größeren Flutwelle hätte Real Felipe ihre Schutzfunktion nicht mehr erfüllen können. Offenbar wurde die Anlage daraufhin erheblich verstärkt. Sehr zum Leidwesen der Unabhängigkeitskämpfer zwanzig Jahre später.

Neben wenigen Inkawaffen, war im ehemaligen Haus des Kommandanten, das nun Museum ist, die Militärausrüstung der Eroberer aus dem sechzehnten Jahrhundert zu sehen. Streitkolben, Morgensterne, Äxte, Lanzen und Piken, aber am beeindruckendsten fand ich einen riesigen Zweihänder. Im Hintergrund war ein großes Gemälde, wohl noch aus dem sechzehnten Jahrhundert, das die Gefangennahme des Inca Atahualpa durch Pizarro und einige seiner Männer zeigte. Wie bei den meisten Bildern dieser Zeit spielte die Phantasie der Maler eine größere Rolle, als die Tatsachen. In nächsten Raum waren Uniformen und Waffen des Unabhängigkeitskriegs zu sehen. Darunter auch die Originalfahne, mit der die letzten Spanier hier ein Jahr nach der Befreiung Perus endgültig kapitulierten. Auch hier sah ich Gemälde, die meist Portraits der Protagonisten des Unabhängigkeitskriegs waren. In einem kleinen Nebenraum gab’s kleine, reichverzierte Geschütze, eines hatte Pizarro mitgebracht, zu bestaunen. Die größeren standen vor dem Eingang des Hauses. Wieder draußen auf dem weitläufigen Hof, der immer noch als Exerzierplatz genutzt wird, ging die Gruppe in eine Ecke, in der Relikte des peruanisch-ecuadorianischen Krieges 1941-42 standen: winzige Vickers- und kleine, alte Sherman-Panzer, Artillerie und Transportfahrzeuge, die zu dieser Zeit eingesetzt wurden. Natürlich nicht mit dem zu vergleichen, das zu gleichen Zeit in Europa verwendet wurde. Wenig beeindruckt lief ich hinter Gruppe her, die wenigen Schritte zur Nachbildung des Hauses von Arica, in dem Oberst Bolognesi die Kapitulationsverhandlungen hatte scheitern lassen. Im Inneren war der Verhandlungsraum detailgetreu nachgebildet und mit uniformierten Puppen bestückt. Bolognesi natürlich in pathetisch-unbeugsamer Haltung. Mit ausschweifenden Erklärungen des Führers wurde nichts anderes dargestellt, als ich bereits vor zwei Tagen im Museum der Komabattanten des Hügels von Arica gesehen und gehört hatte.

Nach der ärgerlichen Pause, die lediglich der unvermeidlichen Snackbar zu mehr Umsatz verhelfen sollte, wurden die Gefängniskatakomben erklärt. Die Besichtigung war offenbar nicht wirklich vorgesehen, weil man entweder von oben durch vergitterte Luftschächte das Innere erahnen mußte, oder in Kleinstgruppen vor die engen Eingänge treten mußte, um ein paar Knochen der Unglücklichen, und deren Ketten, zu sehen, die hier eingesperrt waren. Die Teile, in denen sich aktuell Gefangene befanden, waren natürlich nicht zu besichtigen. Es steht zu hoffen, daß diese Räume sich in besserem Zustand befinden, als die vorgeführten historischen. Über ein Gewirr von Räumen und Gängen, die für das Wachpersonal in der Kolonialphase bestimmt waren, wälzte sich der Touristenstrom auf den Torre Real, den Königsturm zu. Von hier aus genießt man einen schönen Ausblick auf das Meer, die Hafenanlagen und die nähere Umgebung der Festung. Daher wurde dieser Burgfried als Hauptwach- und Aussichtsturm genutzt. In diesem Teil des Rundgangs waren immer wieder Ziegel zwischen den Vulkaniten zu sehen, mit denen die 1776 fertiggestellte Festung nach Kämpfen und Erdbeben repariert worden war.

Da es inzwischen Mittag geworden war, aß ich in einer Spelunke bei Real Felipe, bevor ich den Bus suchte, der mich zurück zum Stadtzentrum brachte. Nach der Siesta nahm ich ein Taxi zum Fahrradladen, um das Hinterrad abzuholen. Das erwies sich aber als nicht so einfach. Der Japaner beschwerte sich nicht zu unrecht über die von mir teilweise ziemlich stramm angezogenen Nippel der Felgen. Nachdem einige bereits rund waren, beschlossen wir, alle auszutauschen, um dem Mann die Arbeit zu erleichtern. Mit den neuen Nippeln zentrierte er ziemlich schnell das Rad. Obwohl er über eine Stunde Arbeit hatte und mir erzählte, daß er eigentlich sich viel lieber mit seinen Enkeln beschäftigen würde, war ich beschämt darüber, daß ich ihn nicht überzeugen konnte, mir mehr, als den Preis für die Nippel zu verlangen. Hochzufrieden kehrte ich ins Hotel zurück und baute das Hinterrad ein. Für seine Hilfe schrieb ich einen Bericht für den SAEC, der nun wohl im Ordner für Serviceleistungen in Lima steht, damit nachfolgende Radfahrer den Weg zu ihm finden.

Nach den Abendessen konnte ich an diesem Abend ungestört mein Tagebuch und einige Berichte für den Club schreiben, sowie mich über die Museen, die ich für den nächsten Tag geplant hatte, in den Reiseführern informieren.

Museumsmarathon

Nach dem Frühstück in der ligurischen Bäckerei, die ich zu meiner Stammbäckerei gemacht hatte, mußte ich die Wäsche in eine Wäscherei bringen, bevor ich ein Taxi anhielt, das mich in den Stadtteil Pueblo Libre brachte, der sich südlich anschloß. Hier gedachte ich zuerst ins Museo Rafael Larco Herrera zu gehen. Als ich beim Pförtner den geradezu horrenden Eintrittspreis von gut zwölf Mark widerstrebend entrichtete, konnte der mir mit einer Schwarzlichtlampe beweisen, daß mir der Taxifahrer Falschgeld herausgegeben hatte. Das war um so ärgerlicher, als ich unter anderem deswegen extra ein offizielles, gelbes Taxi genommen hatte.

Die Investition in das Museum hat sich jedoch gelohnt. Obwohl ich die Keramiken der Kulturen der Nordküste bereits kannte, war ich von der Masse und der Qualität der Exponate überwältigt. Der Privatsammler, der die Kollektion von seinem Vater geerbt hatte, der in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts damit begonnen hatte, mehr oder weniger legal Kunstschätze zusammenzutragen, hatte offenbar weder Kosten noch Mühe gescheut, zumindest den spektakulärsten Teil der Ausstellungsstücke angemessen zu präsentieren. Dazu trug bereits das fast dreihundert Jahre alte Kolonialgebäude bei.

Glasvitrinen mit speziell ausgeleuchteten Einzelstücken, die zweisprachig erklärt waren, bildeten den Auftakt. Darunter war eine Vase der Moche, auf der die darauf dargestellten Figuren und Symbole sehr gut exemplarisch erläutert waren. Ausgerüstet mit dem Wissen über die Kriegsriten und religiösen Zeremonien, konnte ich leicht die anderen Keramiken des Museums verstehen, zumindest die der Moche und der Chimú, die als Nachfolger der Moche angesehen werden. Ein geringerer Teil der Keramiken entstammte der Kulturen von Cupisnique und Nasca, die sich deutlich von den ersten beiden unterschieden. Hinzu kamen einige ebenfalls problemlos als inkaisch einzuordnende Keramiken. In einen weiteren Raum fand ich Beispiele der hervorragend ausgebildeten Webkunst dieser Kulturen. Einige der Weber waren, mumifiziert, ebenfalls ausgestellt.

Der nächste Raum zeigte Werkzeuge und andere Gegenstände aus Metall, sowie wenige behauene Steine. In einem nicht sehr großen Tresorraum waren einige goldene Produkte der Kulturen zu sehen. Das Lager war ebenfalls zugänglich. Hier standen in langen, etwa fünf Meter hohen Regalen die Keramiken dicht an dicht. Die Masse der nach Motiven geordneten Exponate erschlug mich fast. Nach den Museen der Nordküste fand ich aber unter den mutmaßlich fünfzigtausend Stücken wenig Neues. Zum Abschluß sah ich mir in einen kleinen Nebengebäude die erotische Sammlung an. In der Kategorie Moral wurden die, die offenbar zu aktiv waren, als Skelette dargestellt. In der Spaßsparte sah ich anthropomorphe Trinkgefäße, deren Köpfe, zusätzlich zu dem großen Eingußloch für das Getränk, mit kleinen Löchern durchsetzt waren, so daß ein Trinken aus der großen Schädelöffnung nicht möglich war. Denn getrunken werden sollte aus dem überdimensionalen Penis der Figur, der extra deswegen eine Öffnung hatte. Den meisten der handwerklich hervorragend ausgeführten Darstellungen des Geschlechtsakts war allerdings gemeinsam, daß die Frauen einen gleichgültigen bis ablehnenden Gesichtsausdruck besaßen. Die Männer hatten zwar verschiedene, aber nie lustlose Gesichtsausdrücke.

Da ich gut drei Stunden in dem Museum verbracht hatte, fand ich, daß es Zeit wäre, zum Mittagessen zu gehen und dabei den falschen zwanzig-Soles-Schein loszuwerden. Also ging ich in eine chifa, die auf dem Weg zum nächsten Programmpunkt lag. Das Essen war zwar nicht überzeugend, aber mit der Blüte hatte ich Glück.

Derart befreit, lief ich hinüber zur Plaza Bolívar wo sich die inzwischen zusammengelegten Nationalmuseen für Archäologie, Anthropologie und Geschichte befanden. In den riesigen Komplex fand ich zu allen präkolumbischen Kulturen Exponate und Modelle, die, wenn auch auf Spanisch, recht gut erklärt waren. Stundenlang betrachtete ich die gewaltige Anzahl an Exponaten, die tiefe Einblicke in das Leben der Menschen von der Steinzeit bis zu den Inkas gab. Keramiken, Textilien, Knochenwerkzeuge und -geräte, Metallutensilien Steinskulpturen.

In einem Raum waren trepanierte Schädel ausgestellt. Die Schädeldecken wurden zu medizinischen Zwecken geöffnet und anschließend wieder verschlossen. Ich sah die Totenköpfe von Menschen, die teilweise sogar mehrere dieser Eingriffe unbeschadet überstanden hatten. Anhand anderer Knochen hatten Paläomediziner nachträglich Krankheiten diagnostiziert, die ein deutliches Licht auf die Lebesverhältnisse der frühen Peruaner warfen. Eigentlich war ich schon erschöpft, als ich endlich zu den Sälen der kolonialen und republikanischen Geschichte gelangte.

Möbel, Uniformen und Gemälde sowie Einrichtungsgegenstände konnte ich allerdings schneller erfassen, so daß ich das Tempo etwas erhöhen konnte. Trotzdem schwankte ich, nach über drei Stunden, schon fast etwas benebelt von der Vielzahl der Eindrücke, zur nächstgelegenen tienda. Ich fuhr anschließend mit dem Taxi zum Hotel, von wo aus ich dem SAEC noch einige Berichte vorbeibrachte, bevor ich mich in ein nahegelegenes Internet setzte und meine Erfahrungen der letzten Tage der Mail-Gemeinde zur Kenntnis brachte.

Der Mangel an Alternativen verschlug mich zum Abendessen wieder in eine chifa. Das Essen war genauso belanglos, wie mittags. Erwähnenswert war lediglich, daß ein Bettler, der vergeblich versuchte, von mir zu schnorren, vom Kellner mit einem Bambusstock vertrieben wurde. Nach einem Schlag auf den Hintern auf der Schwelle, erklärte mir der Kellner, daß dieser Bettler keiner sei, sondern eher reich, denn er besitze ein Auto, das er wohl unangemeldet zur Personenbeförderung benutzte, um sich ein Einkommen zu verschaffen.

Auch an diesem Abend konnte ich im Hotel einigermaßen ungestört schreiben und meine Vorbereitungen für den nächsten Tag treffen.



zurück zum Inhaltsverzeichnis